Die Austernzüchter an der französischen Atlantikküste sind besorgt. Seit zwei Jahren löst eine unbekannte Seuche ein Massensterben bei der bliebten Delikatesse aus. Geht das Sterben weiter, wird es in weiteren zwei Jahren nicht nur keine französischen Austern mehr geben - auch Muscheln und Schnecken könnten bedroht sein.
Die Gefahr ist groß, dass die jetzige Generation französischer Austern die letzte ist. Denn bereits im zweiten Jahr beobachten Austernzüchter an der Atlantikküste ein Massensterben - vor allem bei den Jungtieren. Nach zwölf Monaten harter Arbeit bleibt ihnen oft nichts als leere Schalen. Viele Züchter, die sich auf Babyaustern spezialisiert haben, sind ratlos. Nachdem sie anfangs nur zehn Prozent Verluste zu verzeichnen hatten, ist die Zahl der toten Tiere inzwischen rasend schnell gestiegen.
Seit Generationen hängt der gesamte Wohlstand der Region an der Auster. Die Austernzucht an der französischen Atlantikküste hat eine 200-jährige Tradition und ist eine langwierige Sache. Drei bis vier Jahre brauchen die Tiere, um die Marktreife zu erreichen. Die Austernlarven werden zunächst aus dem Plankton herausgefischt. Einige Wochen später bringen die Farmer die Jungtiere in netzartigen Säcken zurück ins Meer, wo sie in so genannten Parks heranreifen.

Als rein französisch kann man diese Austern allerdings nicht bezeichnen. Denn schon vor Jahrzehnten waren die einheimischen Austern nach einer Seuche praktisch ausgestorben. Deshalb haben die Züchter in den 1970er Jahren die pazifische Auster eingeführt. Die neue Art blieb nicht lange fremd. Schnell vermehrten sich die exotischen Austern, sogar außerhalb der Zuchten. Und mittlerweile bevölkern sie die gesamte Atlantikküste bis in die Nordsee.

Mit der Seuche stehen die vielen Austernzüchter vor dem Aus. Jean Prou vom staatlichen Forschungsinstituts IFREMER (Institut français de recherche pour l'exploitation de la mer) hat aufgrund der dramatischen Situation den Auftrag bekommen, nach Umfang und der Ursache der Seuche zu suchen. Denn wenn sich die Seuche weiter ausbreitet, sind auch andere Organismen im Meer in Gefahr. Ein Massensterben von Muscheln und Schnecken droht der gesamten Atlantikküste, und es bleibt kaum noch Zeit, das Problem zu lösen.
Der Experte für Austern und deren Krankheiten hat festgestellt, dass die Seuche nicht nur unter Zuchtaustern grassiert, sondern auch unter den wilden Austern. Untersuchungen zeigen, dass alle Austern scheinbar an einer Infektion durch Bakterien leiden, die das Gewebe der Tiere befallen. Jedoch bringen genetische Tests überraschende Ergebnisse zutage: Diese Krankheitskeime hat es schon immer gegeben. Für das große Sterben können die Bakterien also nicht allein verantwortlich sein.

Auch Herpesviren werden unterm Elektronenmikroskop entdeckt, aber auch sie sind nicht neu. Prou hat Temperatur, Salzgehalt und ph-Wert des Meerwassers zwischen den Austernbänken gemessen und sieht einen Zusammenhang zwischen immer extremeren Werten und dem Austernsterben. Er glaubt, dass die Kombination der Erreger und bestimmter Umweltfaktoren wie Temperatur, Gezeiten oder Temperaturschwankungen die Ursache für das Entstehen der Seuche ist.

Die schnelle Ausbreitung der Seuche führt er auf die Züchter zurück. Prou hat verfolgt, wie die Austern zwischen den französischen Züchtern gehandelt werden. Die Säcke mit den pazifischen Austern werden dabei häufig hin und her gefahren und an allen Küstenregionen Frankreichs verteilt. So haben die Farmer selbst die Erreger vom Atlantik bis ins Mittelmeer verschleppt. Die Wissenschaftler sind gegen die Veränderungen im Meer und die gefährlichen Erreger in den Austern machtlos. Sie forschen nach einer neuen, einer resistenten Art, die die Züchter retten könnte. Doch die Züchter selbst bleiben skeptisch. Auch die pazifische Auster hat ihnen letztendlich kein Glück gebracht.